Schumanntheater

Theater, Theater, der Vorhang geht auf - Programmhefte des Schumanntheaters 1906-1943

© Programmhefte Schumanntheater, ISG FFM, Bibliothek, Sign. 4° KSt 256, Foto: Jan-Hendrik Evers

„Theater, Theater, der Vorhang geht auf, dann wird die Bühne zur Welt“, sang die bekannte Sängerin Katja Ebstein 1980. Unterhaltungsmöglichkeiten sind der heutigen Gesellschaft nahezu unbegrenzt zugänglich. Egal ob Kino, Fernsehen oder vor allem das Internet – überall werden Schauspiel,- Gesangs,- oder Comedy-Talente gesucht oder zur Schau gestellt. Dabei lautet die Devise häufig: je schräger, desto erfolgreicher. Fast vergessen, ja eher aus der Zeit gefallen wirken dagegen Begriffe wie Theater, Varieté oder Revuenummern, die vor ca. einhundert Jahren, teilweise auch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts das Publikum begeisterten und dabei in Sachen Kreativität und Facettenreichtum mit den heutigen Standards durchaus mithalten konnten. Davon zeugen zum Beispiel die zwischen 1906 bis 1943 erhaltenen Programmhefte des über Frankfurts Grenzen hinaus berühmten aber nicht mehr existenten Schumanntheaters, die in der Bibliothek des Instituts für Stadtgeschichte aufbewahrt werden.

Das Schumanntheater zählte zu den angesehensten und prächtigsten Theatern der 1920er und 30er Jahre. Für Besucher Frankfurts attraktiv gelegen, nämlich direkt am Hauptausgang des Hauptbahnhofs zwischen der Karls- und Taunusstraße, wurde das Theater am 5. Dezember 1905 eröffnet. Benannt wurde es nach seinem Gründer, dem Zirkusdirektor Albert Schumann, der zunächst vorhatte, einen dauerhaften Zirkus in Frankfurt zu betreiben. Bald waren die Zirkusdarbietungen, zu denen u.a. Pferde- und Löwendressuren zählten, derart beliebt, dass Schumann das Programm zusammen mit Julius Seeth um Theater- und Varietéaufführungen erweiterte. Seeth wurde schließlich zum ersten Direktor des Schumanntheaters. 1904 begannen die Bauarbeiten für den imposanten, im Jugendstil gehaltenen Zirkus- und Theaterbau, der 14 Monate andauerte, vier Millionen Mark kostete und bis zu 5000 Zuschauenden Platz bot.

© ISG FFM, S3 Nr. 2536; Schumanntheater bis 1945, Fotograf unbekannt© ISG FFM, S3 Nr. 2536; Schumanntheater bis 1945, Fotograf unbekannt

Die ereignisreiche, wechsel- und krisenhafte Zeit der Weimarer Republik spiegelte sich auch im Schumanntheater wider: so wurde das Varieté aus Kostengründen kurzzeitig durch ein weniger erfolgreiches Kinoprogramm ersetzt. Schon bald kehrte man aber zum Ursprung zurück. Zahlreiche zeitgenössische Artist*innen, Tänzerinnen und Humorist*innen aus aller Welt gingen im Schumanntheater ein und aus und brachten exotischen Flair mit in die Stadt. Dennoch musste es 1930 in der Weltwirtschaftskrise für zwei Jahre geschlossen werden. Nach einer größeren Umbaumaßnahme eröffnete das Theater mit einem neuen Konzept aus Varieté, Operette und Revue, Box- und Ringkämpfen, wohingegen die Zirkusnummern vollständig aus dem Programm verschwanden. Von den Nationalsozialisten wurde das Gebäude als Veranstaltungsort für die Aufnahme von Kindern in die Hitlerjugend oder den „Bund deutscher Mädel“ genutzt.

Während des Krieges konnten die Aufführungen, wenn auch mit weniger Angeboten und nicht mehr mit internationalen, sondern nur noch mit deutschen Stars oder solchen aus verbündeten oder besetzten Gebieten, fortgesetzt werden. Der Bombenangriff vom 22. März 1944 beendete schließlich die Theateraktivitäten, da dieser verheerendste aller Angriffe auf Frankfurt die Inneneinrichtung zerstörte. Im Mai 1945 wurde das Gebäude von den amerikanischen Soldaten beschlagnahmt und als Freizeiteinrichtung genutzt. Versuche, das Theater nach der Freigabe 1958 wiederzueröffnen, scheiterten. 1961 wurde der stark in Mitleidenschaft gezogene Bau abgerissen und 1966 durch ein „modernes“, aber einfaches Parkhaus und Bürogebäude ersetzt.

Die teils bunten Programmhefte sind ein Ausdruck der vielfältigen Unterhaltungsdarbietungen im Frankfurt des beginnenden 20. Jahrhunderts. Zu den Highlights zählten 1927/28 etwa die Auftritte der russischen Balletttänzerin Anna Pawlowna Pawlowa. Weitere berühmte Künstler*innen waren der Sänger und Komiker Otto Reutter, die Humoristin Claire Schlichting oder der Stummfilmstar Henny Porten. Daneben dürften auch Kuriositäten wie „Omikron, der lebende Gasometer“ oder „Little Mimi“ die Zuschauenden in Erstaunen versetzt haben. O Bild Omikron entnommen aus Schumann Theater: Das große Oktober-Programm. Rudolf Mälzer der volkstümlichste aller sächsischen Komiker und 12 Sterne des Varieté-Himmels.

© Schumann Theater: Das große Oktober-Programm. Rudolf Mälzer der volkstümlichste aller sächsischen Komiker und 12 Sterne des Varieté-Himmels. Vom 1. bis 15. Oktober 1935; ISG FFM, Bibliothek, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937© Schumann Theater: Das große Oktober-Programm. Rudolf Mälzer der volkstümlichste aller sächsischen Komiker und 12 Sterne des Varieté-Himmels. Vom 1. bis 15. Oktober 1935; ISG FFM, Bibliothek, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937

Programmbeschreibungen wie jene zu „Little Mimi“ ermöglichen heute eine Herausarbeitung der Lebensumstände und des Druckes, der auf den Kunstler*innen lastete, um in dieser Welt zu bestehen.

© Bild Mimi entnommen aus Schumann Theater: Kassner, der größte Illusionist aller Zeiten im Riesen-Varieté-Programm vom 16.-31. März 1936, ISG FFM, Bibliothek, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937, S. 7© Bild Mimi entnommen aus Schumann Theater: Kassner, der größte Illusionist aller Zeiten im Riesen-Varieté-Programm vom 16.-31. März 1936, ISG FFM, Bibliothek, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937, S. 7

Darüber hinaus gewähren uns die Programmhefte mit ihren zahlreichen Werbeanzeigen einen äußerst detaillierten Einblick in die Vermarktung von Frankfurter Produkten und alteingesessenen Frankfurter Geschäften der Zeit.

© Werbeanzeige entnommen aus Schumann=Theater: Großes Weltstadt:Varieté: Programm vom 1.-15. Oktober 1936. 2 Jovers 4 Hazel Mangeans Girls und weitere 10 Sensationen, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937, S. 8.© Werbeanzeige entnommen aus Schumann=Theater: Großes Weltstadt:Varieté: Programm vom 1.-15. Oktober 1936. 2 Jovers 4 Hazel Mangeans Girls und weitere 10 Sensationen, Sign. 4° KSt 256, 1935-1937, S. 8.

Text und Bildauswahl: Chiara Daab (Praktikantin), Jan-Hendrik Evers (Archivreferndar), Magdalena Schedlberger (Pratikantin)